Nacht der Stimmen: Friedenengel in der Dresdner Frauenkirche
Gestern Abend, 21:45 Uhr. In Dresden herrscht eine Stille, die man fast greifen kann. Es ist die Zeit, in der jedes Jahr die Glocken der Stadt an jene schrecklichen Stunden des 13. und 14. Februar 1945 erinnern. Ich stand vor der Frauenkirche, jenem gewaltigen steinernen Zeugnis von Aufstieg, Fall und wundersamer Auferstehung.
Die Frauenkirche ist für uns Dresdner mehr als ein Gotteshaus. Sie ist das steinerne Herz der Stadt. Als sie 1945, zwei Tage nach dem Angriff, unter der Last der Hitze und des Schmerzes in sich zusammenbrach, war das für die Menschen hier der endgültige Untergang einer Welt. Jahrzehntelang blieb der Trümmerberg im Herzen der Stadt ein Mahnmal, eine offene Wunde aus Sandstein und Ruß.
Doch dann geschah das, was viele für unmöglich hielten: der „Ruf aus Dresden“. Dank einer beispiellosen weltweiten Spendenbereitschaft – getragen von Menschen aus den Nationen, die sich einst als Feinde gegenüberstanden – wuchs die Kuppel wieder in den Himmel. Seit der Weihe im Jahr 2005 steht sie da: ein Weltwunder der Versöhnung, erbaut aus den geschwärzten Steinen der Ruine und dem hellen Sandstein der Gegenwart. Ein Mosaik des Friedens.
Während ich gestern Abend im Kirchenraum saß, schweifte mein Blick hinauf zum goldenen Turmkreuz. Es ist das Geschenk der Briten, gestiftet vom Dresden Trust in Coventry. Man muss sich die Symbolik vor Augen führen: Der Mann, der dieses Kreuz schmiedete, ist der Kunstschmied Alan Smith. Sein Vater war einer der Bomberpiloten, die in jener Nacht 1945 über Dresden flogen. Dass der Sohn eines Angreifers heute das Symbol der Hoffnung auf unsere Kuppel setzt, ist eine Geste, die mir jedes Mal Tränen in die Augen treibt. Es ist die höchste Form der Heilung.
Und genau in diese Atmosphäre der tiefen Versöhnung kehrte gestern ein weiterer Bote heim: Der Friedensengel Michael, geschaffen vom Bildhauer Reinhard Pontius. Fünf Jahre lang war dieser hölzerne Bote auf Friedensmission quer durch Europa unterwegs. Er hat Orte des Leids und der Hoffnung gesehen, hat Menschen verbunden und nun, in dieser geschichtsträchtigen Nacht, wurde er mit einem Festakt am Ende seiner Reise in der Frauenkirche begrüßt. In der Unterkirche gastiert er nun bis in den April hinein.
Während ich dort saß und den Engel betrachtete, spürte ich plötzlich seine Anwesenheit: Beethoven. Ich fragte mich: Was würde der „Meister“ denken, wenn er hier neben mir stünde? Er, der in seinen letzten Lebensjahren völlig in der Stille versunken war, aber in seinem Kopf die gewaltigste Vision von Brüderlichkeit erschuf, die die Menschheit je vertont hat.
Beethoven war ein Mann des Kampfes, ja. Aber er war vor allem ein Mann der Überwindung. Wenn er diese Kirche sähe – ein Gebäude, das aus dem Hass zerstört und durch die tätige Reue und Liebe der Welt wiederaufgebaut wurde –, würde er wahrscheinlich stumm nicken. Es ist die architektonische Entsprechung seiner Neunten Sinfonie. Aus dem Chaos des ersten Satzes bricht am Ende die Ode an die Freude hervor. „Alle Menschen werden Brüder.“
Und ja, Beethoven würde uns heute eine notwendige Predigt halten:
„Ihr habt die Instrumente des Friedens in der Hand, ihr habt das goldene Kreuz der Versöhnung und hölzerne Engel, die durch Europa ziehen. Doch hört ihr auch die Zwischentöne? Versteht ihr, dass Frieden kein Zustand ist, auf dem man sich ausruht, sondern eine Komposition, die jeden Tag neu und unter Mühen aufgeführt werden muss?“
Die Botschaft des gestrigen Abends an unsere Beethoven ART TOUR ist klar: Unsere Reise ist nicht nur ein künstlerisches Experiment. Sie ist eine diplomatische Mission. Wenn wir mit Beethoven von Wien über Prag nach Dresden und weiter nach Budapest ziehen, tragen wir diesen „Geist der Frauenkirche“, die "Geschichte des Turmkreuzes" und die "Mission des Friedensengels" mit uns. Wir reisen durch ein Europa, das heute wieder Risse zeigt. Beethoven erinnert uns daran, dass Kunst der Mörtel ist, der diese Risse füllen kann.
Der Friedensengel von Reinhard Pontius und das Werk Alan Smiths mahnen uns: Versöhnung ist möglich, wenn man den Mut hat, aus den Trümmern und der Schuld etwas Neues zu bauen.
Ludwig, wenn Du im Mai hier in Dresden ankommst, werde ich Dich zur Frauenkirche führen. Ich werde Dir das Kreuz und den Engel Michael zeigen. Und vielleicht, für einen kurzen Moment, wird die Dissonanz in Deinem Kopf einer großen, friedlichen Harmonie weichen.
Wir setzen den Weg fort. Im Namen des Friedens. Im Namen der Kunst.
