Hör-Genial gegen Tech: 78 Tasten fordern 22 Elektroden!
Sehr geehrter Herr Wallburger,
ich schreibe Ihnen diese Nachricht noch völlig unter dem Eindruck des heutigen Nachmittags in Wien. Ich weiß nicht, wen Sie mir da ins Haus geschickt haben, aber ich habe in meiner gesamten Laufbahn als Audiologe noch nie eine solche Urgewalt erlebt. Dieser Mann behauptet, Beethoven zu sein – und nach diesem Gespräch zweifle ich keine Sekunde mehr daran. Er gab mir Ihren Kontakt, weil Sie angeblich der Reiseleiter für seine neuerliche Konzertreise von 1796 sind. Ich kann dies alles nicht so recht ernst nehmen. Aber sei’s drum!
Da er mich akustisch kaum verstehen konnte, kommunizierten wir auf eine Weise, die mich an historische Berichte erinnerte: Ich tippte meine Erklärungen in meinen Laptop und drehte ihm den Bildschirm zu – ganz wie man ihm früher die Konversationshefte hinhielt. Nur dass es heute ein leuchtender Monitor war. Er las meine Sätze mit brennender Ungeduld, als wollte er die Buchstaben mit den Augen verschlingen.
Die Beratung war von einer Intensität, die mich physisch erschöpft hat. Als ich ihm das moderne Hochleistungs-Hörgerät zeigte, reagierte er mit blankem Hohn und fast körperlicher Abscheu.
Beethoven: „Was soll mir dieses winzige Insekt im Ohr? Glauben Sie, ich will das Jaulen dieser elektrischen Wagen oder das ferne Geklapper der Touristenkutschen lauter hören? Mein Problem ist nicht die Lautstärke, mein Herr – es ist die Substanz! Die Saiten sind gerissen!“
Ich tippte schnell: „Maestro, wir müssen über ein Cochlea-Implantat sprechen. Es umgeht das kaputte Innenohr und stimuliert den Hörnerv direkt mit elektrischen Impulsen.“ Ich öffnete die Grafik mit den zweiundzwanzig Elektroden-Kanälen auf dem Touchscreen. Er beugte sich so nah an den Monitor, dass ich seinen schweren Atem spürte.
Beethoven: „Zweiundzwanzig? Nur zweiundzwanzig Punkte für das gesamte Universum der Töne? Wollen Sie mich verhöhnen? Mein Klavier hat achtundsiebzig Tasten, und ich ringe mit jeder einzelnen um die Wahrheit! Wie soll ein Waldhorn durch zweiundzwanzig Drähte passen?“
Ich tippte wieder hastig zurück: „Das Gehirn ist das eigentliche Wunderwerk. Es lernt, die Frequenzen zu mischen. Es ist wie eine lückenhafte Partitur, bei der Ihr Verstand die fehlenden Noten im Geiste ergänzt.“ Er starrte auf die Kurven der Frequenzbänder, als wären es feindliche Schlachtpläne. Dann tippte er mit seinem knorrigen Finger so hart gegen das Display, dass ich um das Glas fürchtete.
Beethoven: „Und der Bass? Wenn dieser Algorithmus, wie Sie es nennen, das tiefe G nicht von einem Fis unterscheiden kann, bricht meine gesamte Architektur zusammen. Ein C-Dur ohne Fundament ist eine Lüge! Zeigen Sie mir die Schwingungsbreite!“
Er hat das Implantat nicht abgelehnt, aber er hat sämtliche technischen Datenblätter eingefordert. Er betrachtet das Implantat nicht als medizinisches Hilfsmittel, sondern als ein Instrument, das er erst noch stimmen muss. Zum Abschied sagte er etwas, das mir immer noch Gänsehaut bereitet:
Beethoven: „Ich werde nicht zulassen, dass eine Maschine mir ein falsches C diktiert. Wenn ich wieder höre, dann muss es die Wahrheit sein – oder gar nichts.“
Bitte teilen Sie mir mit, wie wir weiter verfahren sollen. Er verlangt für morgen eine Antwort darauf, ob man die Software-Programmierung individuell auf seine Orchester-Vorstellungen anpassen kann. Er will die Technik quasi komponieren.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
Dr. Sven Weber
Hintergrund: Chancen und Grenzen bei vollständiger Taubheit
Wenn das Innenohr so stark geschädigt ist, dass herkömmliche Hörgeräte keinen Nutzen mehr bringen, bietet die moderne Medizin mit dem Cochlea-Implantat (CI) eine Lösung. Anders als ein Hörgerät, das Schall nur verstärkt, wandelt das CI Schall in elektrische Impulse um und leitet diese direkt an den Hörnerv weiter.
Die Chance: Menschen, die absolut taub sind, können dadurch wieder Sprache verstehen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Viele Nutzer können nach einer Phase des Trainings sogar wieder telefonieren.
Die Grenze: Die Klangqualität eines Implantats ist nicht mit dem natürlichen Gehör vergleichbar. Da nur eine begrenzte Anzahl an Elektroden (meist zwischen 12 und 22) die tausenden feinen Sinneszellen des gesunden Ohrs ersetzt, klingen Musik und Stimmen anfangs oft blechern oder mechanisch. Das Gehirn benötigt Zeit und Geduld, um diese neuen Signale zu interpretieren. Besonders der Genuss komplexer Musik bleibt für viele Betroffene eine große Herausforderung.
Weitere Informationen erhalten Sie u.a. bei der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft e.V.
