Prag im Visier: Ein Faust-Prolog zwischen Bits und Bohnen
PROLOG: DAS GEWITTER DER VORBEREITUNG
Es ist ein Vorabend ohne Datum. In der Stille einer Wohnung im 14. Wiener Bezirk gärt ein Vorhaben, das die Jahrhunderte sprengt. Ludwig, der Unbeugsame, bereitet sich auf seine Reise nach Prag vor – jene Stadt, die ihn einst als Virtuosen feierte und nun, in dieser neuen Zeit, erneut nach seinem Klang verlangt. Sein Gastgeber Johannes Frauenschuh, Maler und Analytiker gesellschaftlicher Strömungen, beobachtet das Schauspiel. Er ist der Anker in Ludwigs stürmischer See aus Packlisten und Reiseängsten. Noch schwebt der Aufbruch im Ungewissen, doch im Geist schlagen die Wellen der Moldau bereits gegen die Pfeiler der Karlsbrücke.
ERSTER AUFZUG: DIE LOGISTIK DES GENIUS
ORT: Die Wohnung von Johannes in Wien-Penzing.
PERSONEN: LUDWIG (der Reisende), JOHANNES (Maler und Soziologe).
(Das Zimmer ist ein Schlachtfeld. Ein moderner Rollkoffer liegt wie ein aufgeschlitztes Ungetüm auf dem Boden. LUDWIG wühlt mit einer Intensität darin, als gälte es, eine widerspenstige Partitur zu bändigen. JOHANNES lehnt am Fenster, das Tablet in der Hand, den Blick zwischen der Leinwand und seinem Gast wechselnd.)
LUDWIG
(schleudert ein Leinenhemd mit solcher Wucht, dass es auf einem Stapel soziologischer Bücher landet)
Es will nicht weichen! Es passt nicht in die Norm!
Sieh dir diesen Schlund an, Johannes – ein schwarzes Loch für meine Habseligkeiten!
Soll ich mich wirklich beugen? Ich?
Drei Tage Zeit, damals, 1796! Drei Tage voller Schmutz, Staub und der Herrlichkeit des Wartens!
Da fraß der Eilwagen den Weg, Stein um harter Stein,
und jeder Schlag der Achse, jeder Ruck der Karosse war ein Takt in meiner Brust,
ein Rhythmus, den ich in Noten zwang, noch bevor wir Iglau erreichten!
Und heute?
Ihr nennt es Fortschritt?
Ein Huschen! Ein Nichts! Ein gieriges, gottloses Schlucken der Distanz!
In vier Stunden nach Prag?
Man stiehlt mir die Reise, noch bevor ich sie beginne!
Sag mir, Johannes!
Warum starrst du so malerisch? Du Soziologe der leeren Räume!
Was pack ich ein für diese „Goldene Stadt“, die doch nur noch aus Glas und Hast zu bestehen scheint?
Diesen schwarzen Frack für die Lobkowitz-Sippschaft?
Er riecht nach Mottenkugeln und altem Stolz.
Soll ich ihn tragen zu diesen gummisohligen Tretern, die ihr Sneaker nennt?
Ein Spott auf jede Ästhetik! Ein Bruch der Form, der zum Himmel schreit!
Und dieses flache Ding in deiner Hand – dein Götze aus Glas und Licht...
Wenn ihm der Odem ausgeht, Johannes... wenn der Strom versiegt...
Bin ich dann gelöscht?
Bin ich nur noch ein stummes Echo im Äther, wenn mein Koffer die Grenze überschreitet?
Schreib! Antworte mir!
JOHANNES
(nimmt das Tablet, tippt mit stoischer Ruhe und hält das Display groß ins Sichtfeld)
DAS DATUM SCHWEIGT NOCH, LUDWIG. DIE ZEIT IST EIN FLUSS, KEIN GESETZ.
LUDWIG
(rastlos, seine Stimme donnert ungefiltert durch den Raum)
Es schweigt! Es höhnt!
Ich hasse dieses Verweilen in der Vorhalle des Schicksals!
Ist es der Montag? Ist es der Mittwoch?
Die Moldau wartet nicht auf euren digitalen Kalender!
Sie fließt, sie drängt, sie flüstert mir schon von der Kleinseite zu!
Ich sehe es doch vor mir: Das „Goldene Einhorn“.
Dort, wo der Kopfsteinpflaster-Rhythmus noch die alte Sprache spricht.
Aber du sagst, sie haben jetzt Internet dort? Funkwellen durch die dicken Mauern?
Ein Frevel!
Ich will den Wein in der Schenke hören, nicht das Surren der Kapselmaschinen!
Und doch...
(er hält inne, blickt plötzlich ganz still aus dem Fenster Richtung Westausfahrt)
...es ist eine seltsame Ruhe darin.
Hier bei dir, in Penzing.
Vielleicht ist das der wahre Sieg dieser Epoche:
Dass ich hier stehe, den Kaffee in der Blechdose,
die Bohnen gezählt – exakt sechzig, Johannes, das ist das Gesetz der Kraft –
und weiß, dass ich jederzeit aufbrechen könnte.
Dieses gläserne Ungeheuer am Hauptbahnhof, das Rautendach, das wie ein stählernes Netz über den Gleisen hängt...
Es wartet auf mich.
Es will mich verschlingen und in den Norden speien.
Aber wie komme ich dorthin, ohne meine Würde in euren Untergrundbahnen zu verlieren?
Ein Ameisenhaufen! Ein Gewimmel von Seelen, die nicht wissen, wohin sie eilen!
JOHANNES
(nimmt einen dicken Graphitstift und kritzelt auf einen Block, während er eine schnelle Skizze des Prager Hradschin einfügt)
KEIN GEWIMMEL. EIN PORTAL. U4, DANN U1.
IN ZWANZIG MINUTEN BIST DU UNTER DEM GLASDACH.
ICH BUCHE DEN SITZPLATZ MIT EINEM KLICK, SOBALD DU JA SAGST.
KEIN WORT AM SCHALTER. NUR EIN CODE AUS LICHT.
LUDWIG
(starrt auf den Zettel, lacht trocken und kurz)
Ein Klick.
Ein Fingerzeig vernichtet den Postillon und den Schalterbeamten zugleich.
Du kleiner Gott der Bits und Bytes!
Wohlan!
Ich bin bereit, auch wenn ich hier noch im Limbus der Planung verweile.
Mein Geist ist schon auf der Karlsbrücke,
er wandelt zwischen den Heiligenstatuen und sucht den ersten Akkord der Moldau,
während mein Leib hier noch mit widerspenstigen Socken ringt.
Lass uns trinken, Johannes!
Schwarz wie die Nacht, stark wie ein Dekret.
Denn wenn wir erst rollen, wenn das Ticket auf deinem Schirm aufleuchtet wie ein Irrlicht,
dann gibt es kein Zurück mehr.
Dann bin ich nicht mehr Gast in Penzing.
Dann bin ich Klang auf Schienen.
(Er drückt den Kofferdeckel mit einem krachenden Laut zu. Johannes lächelt und beginnt, auf dem Tablet nach der besten Verbindung zu suchen, während draußen der Wiener Abendhimmel in ein tiefes Blau taucht.)
