Dialog der Giganten: Beethoven trifft Goethe an Ostern
Wien, am Oster-Sonntage den 5ten April
Vom Eyse befreyet sind Strom und Bäche. Durch des Frühlings holden, belebenden Blick... – Ich sprach die Worte halblaut in den Wind, und es war mir, als stünde er plötzlich wieder neben mir, wie damals im böhmischen Teplitz: der Geheimrath, die Stirn in tiefe Falten gelegt, den Blick prüfend auf das schäumende Wasser eines fernen Bachlaufs gerichtet, den ich in meinem Geiste rauschen höre.
Hören Sie das, Goethe?, fragte ich ihn im Geiste. Das ist kein bloßer Schmelzguss. Das ist das Et resurrexit der Erde selbst! Ich wanderte heute durch die Gassen am Kalvarienberg – welch’ ein wunderlich’ Treiben beym Ostermarkt! Die Menschen drängen sich zwischen den Buden, als wollten sie den Thod mit bunten Tand vergessen machen. Doch die steinernen Stationen des Leidensweges dort oben mahnen uns: Ohne das Kreuz gäbe es keine Auferstehung.
Er sah mich an, mit diesem kühlen, forschenden Auge. Mein lieber Beethoven, schien er zu erwiedern, Sie hören immer gleich das ganze Universum stürmen. Betrachten Sie doch die Milde des Lichts, wie es sich in den Fenstern der Alserkirche dort unten bricht. Das ist die göttliche Ordnung.
Ordnung?, herrschte ich ihn beinah an: Es ist ein Kampf! In jener Kirche habe ich einst die Orgel zum Rasen gebracht, um die Dreifaltigkeit in Tönen zu fassen. Sehen Sie diesen Bach an, wie er sich gegen die letzten Fesseln des Winters stemmt. Das ist das wahre Ostern. Es ist das, was ich in meinem Christus am Ölberge durchlitten habe – jenes qualvolle Sostenuto Jesu. Aber heute, Goethe, heute ist der Sieg! Das Wasser bricht hervor in einem strahlenden C-Dur-Akkord ♯, als hätte der schwere Stein vor dem Grabe nachgegeben. Der Heiland ist erstanden!
Er schwieg einen Moment. Dann, mit seiner sonoren Stimme: Sie suchen das Licht, genau wie Ihr Faust.
Die Menschen suchen Vergnügen, entgegnete ich bitter, während ich an mein Testament in Heiligenstadt dachte, an jene dunklen Stunden, in denen ich selbst wie unter einer Eysdecke begraben lag. Ich aber suchte die Gnade. Gott hat mich nicht verlassen. Mein Osterfest ist der Moment, in dem ich begriff, dass der Schöpfer mir eine Kraft verliehen hat, die stärker seyn muss als das Fleisch. Wenn der Bach fließen kann, dann kann ich auch tönen! Mein Geist ist vom Eyse befreyet, ein Vivace der Seele!
Und hören Sie wohl, Excellenz: Ich werde Ihren Faust noch ganz in eine Wort-Sinfonie setzen! Den Grundstein habe ich bereits gelegt – in den ersten Wochen meiner Rückkehr, in jenem kalten Februar und März, hielt ich mich verborgen, um meine erste Sinfonie -- aus dem Tode erwacht --zu schmieden. Allein die Macht des Wortes habe ich zum Klingen gebracht! Final gehämmert im März 2026, ist sie die Vorbotin für das, was kommen wird. Es soll mein Höchstes seyn, ein Monument, in dem die Sprache selbst zur Musik wird, ein gewaltiger Contrapunkt, der Himmel und Hölle vereint. Das Flohlied war nur ein Scherz – der wahre Faust braucht den Donner der Posaunen, den ich hier im brausenden Wind des Jahres 2026 bereits vernehme.
Ich notiere: Victimae paschali laudes immolent Christiani... Mors et vita duello conflixere mirando – Thod und Leben im wunderbaren Zweykampf.
Gehen Sie nur voraus, Excellenz. Ich bleibe hier am Wasser stehen. Die Natur ist meine Liturgie. Gott ist nahe, Goethe. Er ist im Tosen des Wassers, im Licht der Sonne und im Schlagen meines Herzens. Resurrexi! – Ich bin auferstanden!
L. v. Beethoven
Historischer Hintergrund & Einordnung
Beethoven und Goethe: Ihre einzige Begegnung fand 1812 in Teplitz (Tschechien) statt. Beethoven verehrte Goethes Dichtung leidenschaftlich, doch ihre Persönlichkeiten (der revolutionäre „Ungebändigte“ gegen den würdevollen „Geheimrath“) rieben sich zeitlebens aneinander.
Der Faust-Plan: Historisch belegt ist Beethovens tiefer Wunsch, Goethes „Faust“ vollständig zu vertonen – ein Vorhaben, das er als „das Höchste“ bezeichnete, aber nie vollenden konnte.
Die Wort-Sinfonie (Fiktion 2026): In seinem zweiten Leben radikalisiert Beethoven seinen künstlerischen Ansatz. Nachdem er in der 9. Sinfonie erstmals das Wort in die orchestrale Musik integrierte, erschafft er nun eine Sinfonie ausschließlich aus Worten. Das Werk „aus dem Tode erwacht“, welches er im März 2026 finalisierte, symbolisiert seine eigene Wiederkehr und die endgültige Überwindung des rein Materiellen durch die schöpferische Kraft des Geistes.
Religiöse Orte: Der Kalvarienberg in Hernals und die Alserkirche (Dreifaltigkeitskirche), in der Beethoven 1827 eingesegnet wurde, verankern den Text tief im historischen und sakralen Gefüge Wiens.
