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Reisetagebuch
Beethoven-Nachricht

Ein Schattendasein in der neuen Fremde

20. April 2026 | Ludwig van Beethoven an Frank Wallburger (Reiseleiter)
Prag, im Aprilis 2026.
Wallburger!

Erwarten Sie keine Rechtfertigung für mein langes Schweigen. Noch immer hocken Sie in Dresden und erdenken allerlei Gründe, mich über Wochen in Wien schmoren zu lassen. In dieser Zeit, in der ich täglich mit dem Schicksal haderte, das Sie mir aufgezwungen haben, stellten Sie mir diesen Künstler Frauenschuh zur Seite. Seyne Glaube zur Hilfe war ausdauernd, zweifelsohne – aber kein Zunder für Neues!

Glauben Sie etwa, dies neue Leben sey ein Gewinn, wenn man es ungefragt in eine Welt verpflanzt, die nur noch aus Hast besteht? In Prag ist es nicht anders, deren Pflaster ich seit zwei Tagen erdrücke. Ich gestehe: Es ist eine Erleichterung, daß ich hier – wie auch in Wien – ein Unbekannter bin. Niemand greift nach meiner Hand, um mich wie ein unmündiges Kind zu führen. Ich selbst entschließe, wohin mein Fuß mich trägt und was mein Geyst erwägt. Ich brauche keine Gängelbande!

Und doch... es ist eine bittere Galle dabey. Es kränkt den Stolz, ein bloßes Schattendasein führen zu müssen. Ich wandle als Fremder unter Millionen, und die Welt, die vor meinem Namen erzittern sollte, würdigt mich keines Blickes. Es ist sonderbar: Ich genieße die Freyheit, von Ihnen nicht vorgezeigt zu werden, und empfinde doch die tiefe Schmach der Gleichgültigkeit dieser neuen Zeit. Sie haben mich gerufen – doch wozu, wenn die Welt nur noch Augen für ihr gläsernes Blendwerk hat?
 
L. v. Beethoven