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Reisetagebuch
Interviews

Drei Fragen an: Simone Ghin

21. April 2026 | Interview
Warum gehst Du mit auf unsere Reise?

Mich fasziniert das Zwischenmenschliche – der lebendige Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus nah und fern und das gemeinsame Entdecken neuer Wege. Wenn ich an Beethoven denke, höre ich sofort das schicksalhafte Pochen seiner 5. Sinfonie.

Aber da ist noch mehr: ein Gefühl von Schwere, ein Ringen um etwas, das größer ist als wir selbst. Für mich ist sein Werk eine Naturgewalt. Da die Natur auch in meinem eigenen Schaffen die zentrale Kraftquelle ist, spüre ich hier eine tiefe Parallele. Beethoven suchte in den Wäldern nach Inspiration und Ruhe; ich tue es ihm gleich. Diese Reise ist für mich auch eine Frage an uns selbst: Besitzen wir heute noch seinen Mut, radikal neue Wege zu gehen, oder verharren wir im sicheren Hafen des Althergebrachten?

Wenn der Name Beethoven fällt – was passiert in Deinem Kopf?

Ehrlich gesagt war mein erster Impuls: „Beethoven? Das ist gar nicht mein Thema!“ Doch dieses Zögern löste eine spannende Selbstbefragung aus. Ich begriff, dass Beethoven für mich so selbstverständlich ist, dass er fast unsichtbar wurde. Er war schon immer da. Er ist der Klang des Klavierspiels meines Großvaters, der mich als Kleinkind in den Mittagsschlaf begleitete.

Er ist das Knistern der elterlichen Schallplatten. Ohne jemals ein Instrument gelernt zu haben, spielten meine Schwestern und ich schon in der Grundschule „Für Elise“ auf der Heimorgel – ganz ohne Noten, rein aus dem Gefühl heraus. Beethoven ist kein fremdes Thema, er ist ein Teil meiner Biografie.

Wenn Dir Ludwig van Beethoven gegenüber säße: Was würdest Du ihn fragen?

Mich würde brennen interessieren, wie dieser Visionär auf unsere heutige Welt blickt. Was denkt er über den Klimawandel, die Technikgläubigkeit oder die sozialen Medien? Würde er sie nutzen, um seine Kunst zu verbreiten? Und die ewige Frage: Kann Kunst wirklich frei sein?

Meine italienischen Wurzeln lassen mich aber auch über das Persönliche grübeln: Warum hat er Italien nie besucht? Aus dieser Frage entstand in meinem Kopf eine Geschichte: Die Contessa Papavero, die sehnsüchtig in der Toskana auf ihren „Ludovico“ wartet, mit dem sie leidenschaftliche Briefe tauschte. Doch er kommt nicht – die Gesundheit, die Geschäfte. Ihre Tränen der Enttäuschung benetzen ihr Kleid und lösen die gestickten Blüten vom Stoff, die sich als leuchtende Mohnfelder über die Landschaft ergießen. So entstand für mich der Mohn in der Toskana.

Eine Frage bleibt jedoch modern: Wie würde eine Frau im Jahr 2026 wohl auf sein Fernbleiben reagieren?