Drei Fragen an: Tina Altus
Wenn der Name Ludwig van Beethoven fällt, was geht in Deinem Kopf vor?
„DIE GEDANKEN SIND FREI“
Ich bin Urleipzigerin und denke an meine Zeit (1981 bis 1990) als Sekretärin des Rektors der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Ich will mich nicht zu weit herauslehnen, denn aufgrund der tief verwurzelten Musiktradition in Leipzig und der Historie der Hochschule für Musik war Johann Sebastian Bach der meistgespielte Komponist vor Ort.
Aber Beethoven wurde da natürlich gespielt und gelehrt und im Kammermusiksaal aufgeführt. Auch sein Geist wehte sozusagen durch die Klassen und Gänge.
Er war der meistgespielte klassische Komponist damals in der DDR. Aber ich denke eben auch daran, dass in dem Unrechtsstaat DDR alles für die eigene Ideologie entfremdet wurde, um etwa ein Bild des Sozialismus als "Die Friedensmacht" zu vermitteln. In einem öffentlichen Brief an den Rektor habe ich damals den Veränderungsprozeß während der Wende an der Hochschule mit angeschoben, es hätte mich fast meinen Job gekostet.
Es gab zahlreiche Chöre, die die "Ode an die Freude" von Beethovens 9. Sinfonie sangen. Nur auch beim Singen gilt: DIE GEDANKEN SIND FREI. Die Kraft seiner Musik ist ganz offenbar weltumspannend und lässt sich nicht vereinnahmen, wer auch immer dies versuchte. Die Geschichte hält da viele Beispiele parat. Ich bin sicher, dass uns gerade die 9. Sinfonie auch die Kraft gegeben hat für Freiheit, Brüderlichkeit und wirklichen Frieden auf die Straße zu gehen, in Friedlichkeit zu demonstrieren gegen die Unbill des Staates. Vereint in Brüder- und Schwesterlichkeit haben wir uns gegen den Staatsapparat aufgelehnt und Unglaubliches erreicht. Das waren schöne Götterfunken.
Warum gehst Du mit Beethoven und uns in diesem Jahr auf diese fiktive Reise?
Es ist eine verrückte und gleichzeitig wirklich schöne Idee, dass er plötzlich unter uns weilt. Ich finde es spannend, sich intensiv diesem Projekt zu widmen. Das setzt generell Energien in jedem von uns frei und schafft vielleicht auch Synergien. Ich freue mich auf künstlerischen Austausch und Inspiration.
Das Hauptwerk des in Leipzig geborenen Max Klingers - eine Beethoven-Skulptur – wird im Museum der bildenden Künste in Leipzig gezeigt. Sie hat für mich eine überschäumende Kraft und gilt als Inbegriff der heroischen Beethoven-Verehrung. Und dann gibt es ja in Leipzig auch noch die von Markus Lüpertz geschaffene Bronzeskulptur, die seit 2015 heiß umstritten ist. Da holte er Beethoven quasi vom Sockel. Wir werden uns reiben – an Beethoven, seiner Musik, seinen Botschaften und einen ganz eigenen Zugang finden.
Wenn Beethoven Dir gegenübersitzen würde: Welche Themen sprichst Du an? Welche Fragen stellst Du?
Was ist für ihn Freiheit? Und ich würde wissen wollen, welches seine Friedensorte waren. Ich empfinde ihn ziemlich oft als extrem aufgewühlt, seine Musik geradezu brachial und diesen unbedingten Willen, etwas Großes zu schaffen, als ein Geschenk.
Ich gehe davon aus, dass es die Natur war, die ihm Ruhe und Entspannung bot. Hier sehe ich auch meinen künstlerischen Ansatz. Ich würde auf jeden Fall mit ihm die botanischen Gärten der Städte besuchen. Denn hier bin ich - nicht nur im übertragenen Sinne - zuhause.