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Reisetagebuch
Interviews

Drei Fragen an Hendrik Meyer

08. Februar 2026 | Interview

Was hat Dich bewogen, das Tour-Projekt 2026 mit einem fiktiv-lebenden Ludwig van Beethoven ins Leben zu rufen?

Es ist nicht Franks erste Idee, an deren Aufbau und Umsetzung ich mitwirke. Auch nicht seine zweite, dritte oder vierte. Erste gemeinsame Projekte reichen fast bis ins vorige Jahrtausend zurück. Am Ende des Tages kommt er immer wieder mit einer neuen Idee um die Ecke, am Anfang stets gepaart mit einer (meist) äußerst langen und ausführlichen telefonischen Projektvorstellung und -erklärung, vielen Begründungen und Begründungen seiner Begründungen. Frank ist ein Visionär, getrieben von Hartnäckigkeit und Umsetzungswucht, bis aus einer Vision ein Terminplan wird. Das Tour-Projekt ist eine wirklich spannende Unternehmung, bei der ich viele berufliche und persönliche Berührungspunkte sehe. Und für gewöhnlich ist man nicht nur dabei, sondern mittendrin. Ich freue mich als „Reisekader“!

Wenn Beethoven Dir gegenüber sitzen würde: Welche Themen sprichst Du an? Welche Fragen stellst Du?

Es ist zeitiger Vormittag. Vorzüglichster Kaffee wird kredenzt, den wir beide für uns als existenziell deklarieren. Schnell tauchen wir tief in das Thema Komponieren ein. Traditionelles Komponieren bedeutet, Werke samt Orchestrierung aus rein mentalen Fragmenten zu erschaffen. Noten in die Partitur zu bringen, ist dann nur noch eine Fleiß- und Formsache.
Mich interessiert, wie und wann du entscheidest, was aus deinen „Kopf“-Skizzen einmal wird – entsteht aus einer melancholischen Phrase vielleicht sogar einmal eine große Durchführung?
Der Radiergummi ist das nützlichste Werkzeug eines Komponisten. Was streichst du in der Entstehungsphase und final, und warum?
Und Pausen. Pausen sind dramaturgisch fast die stärksten Mittel: Wann und warum entscheidest du, ob es ein plötzlicher Generalpausen‑Abgrund oder doch nur ein Effekt oder eine Trennung werden soll?
Und dann, am Ende: Wo hast du dich selbst (nicht ganz so offensichtlich) am cleversten recycelt und dieses Material weiterverarbeitet und neu verpackt? Spannend!

Wenn Du entscheiden musst, welche drei Werke von Beethoven in Deinem Ranking oben stehen – wie antwortest Du?

Ich hasste Beethoven. Wenn mir ein Musiklehrer – wie in der Grundschule – Gefühle für und zu Musik („Das Schicksal klopft an die Türe.“) aufzwang, war er durch, und das Werk samt Komponist gleich mit. Mit 10 Jahren studierte ich Werke von Bruckner, bald darauf Strauss, Mahler, Pfitzner und Ernst Kurths Buch „Der schöpferische Kontrapunkt“, inklusive ersten Selbstversuchen. Beethoven war da raus. Erst im Alter von 14 traf ich mit der Egmont-Ouvertüre als Musiker im DDR-Auswahlorchester wieder auf ihn. Zugegeben: Meine Faszination für meisterhaftes Handwerk, große Themen und nuancierteste Instrumentationen, bspw. wie die der großen Tondichtungen von Richard Strauss, gilt der Spätromantik. Sie ist bis heute klanglich-stilistisches Vorbild für hoch dotierte und prämierte Filmmusik-Kompositionen, die auch ich zuweilen als Inspiration für Filmvertonungen „befrage“.

Fantasie für Klavier, Chor und Orchester c‑Moll op. 80
Was für ein Geniestreich: Es ist zweifelsfrei die öffentliche Generalprobe zur Neunten, nahezu fertig komponiert und instrumentiert. Mit Einflüssen seiner „Missa solemnis“ war der Weg frei zu seiner letzten vollendeten Sinfonie.

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c‑Moll op. 37
Für eine Aufnahme mit Alfred Brendel beschäftigte ich mich berufsbedingt recht intensiv mit diesem Konzert. Ja, es ist ein echter Beethoven, wenngleich auch Mozart wie ein Schelm hier und da um die Ecke blinzelt.

Leonore‑Ouvertüre Nr. 3 C‑Dur op. 72b
Beethoven Lehrstück für zukünftige Komponisten? Motivische Verdichtung, große Spannungsbögen und eine fast opernhafte musikalische, wortlose Inszenierung lassen das Schaffen von Strauss & Co vorausahnen.