Beethovens Puls in Ölfarben: Frauenschuhs Sinfonie-Studien (1/3)
Studien zur 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven
Heute versenke ich mich erneut ganz in die Welt von Ludwig van Beethoven, in seine Musik und sein Leben. Bereits am frühen Morgen lasse ich seine 7. Sinfonie den Raum fluten, dabei male ich mit Öl auf Sperrholz. Den hölzernen Bildträger habe ich bewusst gewählt: Sperrholz gibt mir die Freiheit, später auszuschneiden, zu formen, dem Bild eine organische Gestalt zu geben – so wie Beethoven seine Musik nicht als statisches Objekt, sondern als formbare, lebendige Kraft verstand.
Die Lautstärke korrigierte ich bald nach oben. Ich versuche die rhythmischen Wellen der Sinfonie mit meinen eigenen Atem gleichzuschalten und ebenso meinen Pinselgang rhythmisch zu synchronisieren. Dieses Werk, so vital und organisch aufgebaut, wirkt auf mich wie ein lebendiges Wesen bzw. ein lebender Organismus, welches atmet und wächst.
Meine Farbauswahl kreist heute um Gelb- und Grüntöne. Es entstehen Formen, die mich an Insektenpanzer und Muschelschalen erinnern – Strukturen, die in ihrem Aufbau so lebendig erscheinen wie die Musik, die ich höre. Formen und Farben schieben sich über das Holz, verschlingen sich, trennen sich wieder – wie Motive in Beethovens siebter Sinfonie, die sich fortwährend auflösen und neu zusammenfügen.
Während ich male wird mir klar, wie sehr mein malerisches Tun heute dem Kneten von Knetmasse ähnelt: ein unablässiges Drücken, Ziehen, Umformen, bis neue Gestalten hervorbrechen. Fast wie ein Schöpfungsakt bzw. wie in der Frankenstein-Geschichte, in der Leben aus dem Nicht-Leben geschaffen wird. In diesem Tun hallt für mich die alchemistische Formel „Solve et Coagula“ wider: lösen und zusammenführen, auseinandernehmen und neu verbinden. Es ist, als würde sich im Zuge des Malprozesses etwas auflösen, womöglich sind es alte visuelle Gewissheiten, um sich dann neu zusammenzufügen zu etwas, das atmet, pulsiert und vielleicht irgendwo in einem Zwischenbereich von Musik und visueller Form existiert.
Der unablässige Vorwärtsdrang von Beethovens 7. Sinfonie führt meine Hand und immer wieder frage ich mich: Wo endet Klang, wo beginnt Form? Wo endet Musik und wo beginnt Bild? Welchen Puls teilen sich womöglich Musik und Malerei? Und kann das Geschöpf vor mir vielleicht atmen wie ein Lebewesen, wenn es erst aus dem Holz ausgeschnitten und in den Raum gestellt wird?
