Mondstaub und Blütenzauber: Beethoven im Orbit der Kunst
Es ist die Nacht des 7. April 2026, ein historischer Moment für die Menschheit, denn die Crew der Artemis-II-Mission – Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen – umrundet in ihrer Orion-Kapsel zum ersten Mal seit über 50 Jahren die erdabgewandte Seite des Mondes, und mit 406.319 Kilometern erreicht sie die größte Entfernung von der Erde, die je ein Mensch bewusst in der Stille des Alls erfahren hat.
Im 14. Wiener Bezirk, in der Wohnung des Künstlers Johannes Frauenschuh, sitzt Ludwig van Beethoven tief versunken vor dem Rechner, und das fahle Licht der Live-Bilder aus dem All spiegelt sich in seinen Augen, während er versucht, die unendliche Leere des Orbits mit seinem neuerlichen irdischen Dasein im Jahr 2026 in Einklang zu bringen. Er beobachtet gebannt die körnigen Aufnahmen der Kraterlandschaften, die an ihm vorbeiziehen, und man kann ahnen, wie er in dieser extremen Isolation des Weltraums die tiefste Stille seiner eigenen Gehörlosigkeit gespiegelt sieht.
Gestern und heute vibrierten die Smartphones unaufhörlich durch Nachrichten in einer WhatsApp-Gruppe, und aus Regensburg sendet Marion Abate ihre tiefen Reflexionen: „Wie die Orion-Kapsel den Mond umkreist, entstehen gerade im keramischen 3D-Druck Formen in Schichten – Bahn für Bahn, Linie für Linie. Die Rückseite bleibt zunächst verborgen, zeigt sich erst im Prozess und trägt Spuren von Material, Zeit und Bewegung in sich – ein stiller Dialog zwischen Kontrolle und Unvorhersehbarkeit.“
Während Beethoven in Wien stumm auf die reale verborgene Seite des Mondes blickt, schickt Marion eine Drucker-Nahaufnahme eines in Arbeit befindlichen Werkes hinterher, das im sanften Rhythmus der Mondscheinsonate präzise Materialschichten übereinanderlegt, die wie versteinerte Mondkrater wirken. „Ludwig, schau Dir diese Textur an!“, tippt sie begeistert. „Die Maschine übersetzt Deine Triolen direkt in mineralische Erde. Für mich ist das ein tastendes Annähern, das sich im Tun offenbart.“
Fast augenblicklich antwortet Tina Altus aus Leipzig mit einem Foto eines Leinwandbildes, auf dem das leuchtende Kolorit ihrer filigranen, gepressten Wildblumen und Farne den grauen Mondstaub konfrontiert, untermalt vom plätschernden zweiten Satz der Pastorale, der 6. Sinfonie. „Während die Astronauten dort oben über Staub und Gestein fliegen, hole ich uns zurück an den Bach“, schreibt sie. „Marion, Deine gedruckten Gesteinsspalten sind der perfekte Nährboden. Ich stelle mir vor, wie meine Pflanzen daraus hervorbrechen, als würde das Leben selbst den staubigen Mond erobern. Wie groß ist das Teil?“ Marion antwortet prompt: „Das sind einzelne Reliefarbeiten, die man beliebig kombinieren kann.“
Ich, Frank Wallburger, sitze als Reiseleiter der BEETHOVEN ART TOUR in diesem lebendigen Viereck zwischen Mond, Wien, Regensburg und Leipzig und versuche, diese außergewöhnliche Konversation mit fiktiven Worten des Meisters weiter zu steigern: „Ludwig schmunzelt gerade“, tippe ich in die Gruppe. „Er beobachtet unser digitales Treiben, deutet auf das Foto der Kraterlandschaft und dann auf die Live-Bilder der NASA und sagt mit seiner rauen, aber herzlichen Stimme: ‚Das ist kein Stein mehr, das ist erstarrter Klang. Aber ohne Tinas Blumen bliebe der Himmel stumm.‘“
„Und ich schenke dem Ludwig Wein ins Glas nach“, hallt es aus Wien nach. „Beste Grüße, Johannes“
