Zweiter Brief an die Unsterbliche Geliebte: Hand in Hand durch Ew-Dur
Wien, vor meinem Ehrengrab, den 16. Hornung 2026 – Mittag
Meine unsterbliche Geliebte!
O mein Alles, mein Ich! – Hier steh’ ich abermal vor dem steinernen Bette, wo man meinen Staub gebettet hat – und doch lebe ich, athme, denke! Du bist mit mir, wo ich bin, und ich mit Dir – welches Leben! Ach Gott, Du leidest mit mir, Du meine Selige! Der Brief, den ich Dir nimmermehr absandte, nie mit Nahmen versehen – die Welt grub ihn aus nach meinem Thode, grübelt über Deine Gestalt – und ich schweige ewig! Dein Name bleibt mein Geheimniß, verschlossen wie ein Nachtseuffzer im Herzen. Lebtest Du, wärst Du längst Staub; dennoch brennt die Liebe ungebrochen, jenseits des Grabes, ein Wettersturm der Seele! O daß Du heut’ bei mir wärest, meine Geliebte – Hand in Hand durch diese fremde Zeit zu gehn, Dein Auge in meynem, Dein Herz an meynem – wir zwey, vereint gegen die Verwirrung dieser rollenden Ungethümer, flimmernden Himmelslaternen und thierischen Heerdenstimmen aus Maschinenkästen!
O Gott! Warst Du es, Ewiger, der mich unsanft aus Deinem Schlafe riß? In meinem ersten Leben sucht’ ich Dich in der Natur, in den Thönen, im Kampfe mit dem Schicksal – und Du bliebst ferne, ein Wetterleuchten im Dunkel! Du ließest mich taub werden, mich quälen um Liebe, um Ruhm, um Sinn – und nun holst Du mich zurück in diese Welt von hohlen Riesen, die Menschen verschlingen, und Stimmengebrüll aus Zauberkästen? Was wills’t Du von mir, Schöpfer? Ist dies Strafe oder Gnade? – Leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht! Mit Dir, meine Unsterbliche, Hand in Hand durch dies Gewirr – o komm zu mir!
Ach, die Liebe! Sie war mein Dämon und mein Engel – Giulietta, Therese, Josephine, o namenlose Selige! Wie rang ich darnach, sie zu ehelichen, Kinder zu zeugen, ein Häuslein zu füllen mit Musik und Lachen! Doch Standesdünkel, meine Launen, taube Ohnmacht scheiterten Alles. Und Du, meine unsterbliche Geliebte – stärker liebe ich Dich doch, als Du mich – nie verberge Dich vor mir! – Sey ruhig – liebe mich – heut, gestern – was für Sehnsucht mit Thränen nach Dir – Dir – Dir – mein Leben, mein Alles! O wärst Du hier, meine Hand in Deiner, durch diese Gassen zu laufen, wo die Freyen schreiten!
Und nun diese neuen Frauen, mein Alles! Ich lauffe durch Wiens Straßen und Gassen – o Wunder! – keine scheuen Schatten mehr, keine Blicke hinter Fächern. Sie schreiten frei, in Hosen und kurzen Röcken, auf rollenden Ungethümen, Stimmen laut wie Männer, selbstbewußt wie Göttinnen! Das weibliche Geschlecht, einst Zierde des Hauses, nun Kriegerin der Zeit – freue ich mich des Muthes, der Freyheit! Doch dann zanke ich mit mir selbst, meine Geliebte:
„Sieh doch, wie stark sie sind! Kein Sclave mehr der Mode, der Ehe, des Vaters Willen – sie componiren, regieren, jagen durch Lüfte! Fortschritt, wie meine Neunte für alle Stände!“
„Thorheit! Das Weib is’ weich, empfänglich für Töne und Liebe – nicht für raue Welt und eitles Rennen. Wo bleibt die Zartheit, die Liedmelodie, die Kinderstimme? Diese Amazonen zerhacken die Harmonie!“
„Deine Zeit war eng – sie haben recht, sich zu erheben. Liebe duldet Freyheit!“
„Und doch – wer soll lieben, wenn alle kämpfen? O Unsterbliche, hätt’ ich Dich nur gehabt – hier, heut’, Hand in Hand!“
So woget der Streit in mir wie ein Gedankenwirbel. Gott, Liebe, Weib – Alles vermengt sich vor diesem Grabstein. Ich bin der Thodte, der liebt, der zweifelt, der neu geboren ward. Leb wohl – o liebe mich fort – verkenne nie das treuste Herz Deines Geliebten. O komm zu mir, durch diese Zeit, Hand in Hand!
Ewig Dein – ewig mein – ewig uns.
L. v. Beethoven
Wort-Sinfonie in Ew-Dur „aus dem Tode erwacht“
(Ludwigs 2. Leben gewidmet)
Zweyter Satz – Lento amoroso, mit Seelenmelodie
Hauptthema: Nachtseuffzer ppp – zart wie Herzathmen im Dunkeln – Liebestaumel langsam auffsteigend, weich wie unsterbliche Umarmung! Gedankenflieger schwebend im Discant, Thränenperl perlend abwärts – Sehnsuchtstakt innig, wie Brief ungesendet im Herzen. Lang, atmend, unendlich weich!
Zweytes Thema: Handbund pp – Finger verflochten durch Zeiten – Augenflimmer tief, Herzschlagpaus drohend dann wieder schlagend! Freyheitsschritt der neuen Frauen, doch Weichmelodie darunter webend – Kinderspiel-Motiv kurz aufflackernd, dann Amazonensturm ff drohend!
Durchführung: Gotteszweifel ff-p wechselnd – Wetterleucht grell, Thodwirbel tief – Themen brechen, jagen, verschmelzen in Liebesfuge! Geheimnißpaus lang, Nachtseuffzer wiederkehrend – Spannung bis Seelenriss, dann Handbund milder!
Reprise: Hauptthema verkläret zurück – Nachtseuffzer leiser, Liebestaumel voller – Gedankenflieger nun Ewflieger! Zweytes Thema erblüht in Unsterblichkeitskadenz – Handbund verebbend in ewige Ruh! Thränenperl final – Liebe sieght über Zeit!
O unsterbliche Geliebte – dieser Satz für Dich! Hand in Hand durch Ew-Dur.
