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Reisetagebuch
Beethoven-Nachricht

Prag vierter Tag: Das Gelächter der Kopie und die Idylle der Kleinseite

22. April 2026 | Ludwig van Beethoven: Reise 1796 | 2026
Prag, am 22ten Aprilis 2026.

Ein Tag wie ein strahlendes Gloria! Die Sonne brennt heute mit einer Heiterkeit auf die Dächer der Kleinseite, die fast wie ein Hohn wirkt nach der Finsterniß des gestrigen Baumgartens. Mein Geyst ist aufgeknöpft, wie ich es zu pflegen sage, wenn der Wein gut und die Thorheit der Menschen noch besser ist. Ich denke an den alten Shakespeare, den ich so oft bei Schlegel lese: „Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ Wie wahr!

Und heute bin ich der Zuschauer meyner eignen Farce.
Ich wandle den ganzen Tag durch die Gassen. Jeder Schritt ein Echo von 1796. Ich stehe lange vor dem Hause „Zum Goldenen Einhorn“, wo ich damals als junger Mensch absteige. Ich denke an den guten Fürsten Lichnowsky, der mich hierher verfrachtet, als wäre ich ein kostbares Clavier, das man den Prager Aristokraten vorführen müsse. Er meynt es gut, doch ich bin damals schon ein störrischer Esel. Alles ist mir hier vertraut und doch fremd, als blickte ich durch einen trüben Schleier auf mein eignes Leben.

Dann aber geschieht das Wunderlichste! Ich sitze an einem kleinen Tisch vor einem Cafe, suche die Wärme auf dem Rücken, als eine ältere Dame, die mir unmittelbar gegenüber Platz nimmt, inne hält. Sie starrt mich an, dann auf ihr leuchtendes Wunderglas, dann wieder auf mich. Mit einem Male hält sie mir das Ding direkt vor die Nase. Es ist ein Bildniß von mir selbst auf der gläsernen Fläche! – Jenes zerzauste Antlitz mit dem wilden Haar, das man in Wien so oft verspottet. Sie lacht und ruft mir mitten in das Gesicht: „Sie sehen aus wie Beethoven!“

In diesem Moment bricht es aus mir hervor! Ich klatsche in die Hände, daß die Tassen tanzen, und die Mauern der Kleinseite wackeln. Ein Gelächter, so recht aus der Tiefe der Lunge! Welch’ eine Posse! Ich sitze hier, Fleisch und Blut, und sie zeigt mir meynen eignen Schatten auf einer Glasscherbe! Ich denke an den guten Lichtenberg, der meynt: „Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buche?“ Hier klingt es herrlich hohl im Glase!

Die Leute an den anderen Tischen recken die Hälse, sie gaffen und wißen nicht, ob sie den Wahnsinn oder die Wahrheit vor sich haben. Ich lache der Alten entgegen und denke an die köstliche Josepha Duschek, die den göttlichen Mozart in ihr Gartenhaus sperrt, um eine Arie aus ihm herauszupressen. Würde sie mich heute hier am Tisch seyen, sie würde mich wohl glatt wieder einsperren – diesmal vielleicht, um herauszufinden, wie man Musik in so ein Glaskästchen bannt! Es ist ein göttlicher Moment der Ironie. Gottlob, daß man mich hier für eine bloße Copie hält! Das ist die Freyheit, die mir zeitlebens fehlte: Ein Schatten seiner selbst zu seyn und darüber zu lachen.

Dieser Moment der Heiterkeit treibt mich weiter in die Kirche St. Nikolaus. Dort oben an der Orgel sitzt er, der Jüngling Mozart. Ich blicke lange zum Gewölbe hinauf. Die Luft riecht noch immer nach Jahrhunderten. Den Nachmittag verbringe ich im Wallenstein-Garten. Hier schweigen die Maschinen. Ich sitze auf einer Bank und skizzire eine Kleinseitner Idylle. Nicht die harten Linien der stählernen Fuge, sondern ein sanftes Aufleuchten.

Dem Wallburger wird das Heutige erfreuen, und er wird sich nicht erdreisten, mich über sein Glas zu mahnen. Er ist wie mein alter Freund Zmeskall, dem ich einst schrieb: „Wir wollen Dich rüffeln, knüffeln und schütteln!“ Soll er mich nur schütteln, über mein Lachen meines Triumphes über die Welt.
L. v. Beethoven


Skizze zur „Kleinseitner Idylle“ (Fragment):
G-Dur. 6/8 Takt.
Ein flirrender Aufgang der Violinen – ppp – wie Licht auf Ziegeln.
Oboe antwortet mit einem Lächeln.
Dann: Ein jähre Schlag im Baß (das Gelächter!), sfortzato!
Aber sogleich wieder Heiterkeit. Ganz ohne Last. Nur Geyst. Nur Licht.

Das Lächeln des Phantoms
  • Die Kleinseite (Malá Strana): Das unterhalb der Prager Burg gelegene Viertel gilt als das „Barockjuwel“ der Stadt. Mit seinen verwinkelten Gassen, Adelspalästen und versteckten Gärten ist es ein Ort, an dem die Zeit langsamer zu vergehen scheint – für Beethoven die perfekte Kulisse, um zwischen seinen Erinnerungen und der Gegenwart zu wandeln.
  • Beethovens Bezüge: 1796 logierte der junge Beethoven im Haus „Zum Goldenen Einhorn“ (U Zlatého jednorožce) in der Llázeňská-Straße. In der nahegelegenen Kirche St. Nikolaus, einem Meisterwerk des Barocks, atmet er die Luft Mozarts, der hier einst die Orgel spielte. Die Wallenstein-Gärten wiederum bieten ihm jene „pastorale“ Abgeschiedenheit, die er Zeit seines Lebens zur Skizzierung neuer Ideen benötigte.
  • Die Episode am Kaffeetisch: Die Begegnung mit der älteren Dame und ihrem Handy ist der Gipfel der beethovenschen Ironie. Dass er ausgerechnet durch ein digitales Abbild seiner selbst als „Kopie“ identifiziert wird, befreit ihn paradoxerweise von der Last seines Geniekults. Sein herzliches Lachen ist ein Akt der Befreiung – er genießt die Anonymität des lebenden Anachronismus.
  • Das Goldene Einhorn & Josepha Duschek: Die Reminiszenz an sein Quartier und die Sopranistin Josepha Duschek verbindet sein heutiges Ich mit dem feurigen Virtuosen von einst. Die Anekdote um die Arie „Ah! perfido“ verdeutlicht seine tiefe Verbundenheit zur Prager Musikwelt. Josepha, die bereits mit Mozart eng befreundet war, gilt als die treibende Kraft hinter Beethovens Prager Schaffen; ihr zu Ehren komponierte er diese dramatische Szene, die er 1796 in einem Akademie-Konzert in Leipzig erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, nachdem er sie in den gastfreundlichen Häusern der Kleinseite zur Vollendung gebracht hatte.
  • Kleinseitner Idylle vs. Große Fuge: Während der Regen des zweiten Tages die architektonische Strenge der Fuge forderte, inspiriert ihn das Prager Frühlingslicht zu einem pastoralen Entwurf. Die „Kleinseitner Idylle“ steht symbolisch für den Versuch, die Dissonanzen seiner Existenz in einer lichten, fast mozartschen Heiterkeit aufzulösen.
(KI generiertes Bild)