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Reisetagebuch
Beethoven-Nachricht

Prag fünfter Tag: Ein Taubengang über die Moldau zum heiligen Nepomuck

23. April 2026 | Ludwig van Beethoven: Reise 1796 | 2026
Prag, am 23ten Aprilis 2026.

Ein Tag der schweren Blicke! Ich bin über die Moldau geschritten, als wäre das Wasser selbst aus gegossenem Bley. Die Brücke – dieses steinerne Rückgrat der Welt – sie starrt mich an mit ihren dreyßig Standbildern, als wollten sie mich allesamt vor das Jüngste Gericht citieren. Ein jeder Heilige ein strenger Capellmeister, der mir den Tact des Lebens vorgiebt.

Ich bleibe vor dem heiligen Nepomuck stehen. Die Leute reiben an seinem erznen Bildniß, als gäbe es dort Glück zu kaufen wie Semmeln beym Bäcker. Narrenpossen! Wenn das Metall sprechen könnte, es würde von dem Lärmen erzählen, den diese Touristen veranstalten. Sie tragen alle diese Schnüre in den Ohren. Seyen sie denn alle taub geworden, so wie ich es war? Ein ganzes Geschlecht von Tauben, die sich freywillig die Welt aussperren! Ich möchte ihnen die Schnüre aus den Ohren reißen und schreien: Hört doch! Hört das Brausen des Stroms! Das ist der Generalbaß Gottes!

Aber ich schweige. Ich blicke hinüber zur Altstadt. Die Thürme recken sich wie drohende Zeigefinger gegen den Himmel. Ich fühle mich wie der Ritter Don Quixote, den ich so gerne bey Cervantes besuche. Ein Schatten aus Fleisch und Bein, der nicht in diese Zeit paßt.

Ich trete in die Altstadt ein. Das Gewühl ist ein einziges Allegro furioso, aber ohne Ordnung! Überall diese elektrischen Karren, die lautlos wie Gespenster an mir vorbeigleyten. Ein Graus! Da war mir das Gerumpel der Fiaker lieber, da wußte man wenigstens, daß ein Pferd dahintersteckt.

Ich stehe auf dem Altstädter Ring vor der großen Uhr. Der Thod läutet sein Glöcklein. Es ist dieselbe Zeit wie 1796, und doch ist sie zerbrochen. Ich sehe mein Bildniß auf Papierwänden – man wirbt für Beethoven-Abende in neuen Sälen. Sie verkaufen mich als Reliquie! Wenn sie wüßten, daß die Reliquie gerade Hunger auf eine tüchtige Portion Knödel hat und sich über den schlechten Taback ärgert, den man hier feilhält. Meyne Kleinseitner Idylle von gestern bekommt Risse. Das G-Dur weicht einem unruhigen c-Moll. Der Geyst der Altstadt ist schwerer, er schmeckt nach Blut, Geschichte und verbranntem Pergament.

Abends im Wirthshaus. Ein Jünger spielt auf seiner Violine in der Ecke. Er spielt schlecht, aber mit einem Feuer, das mich rührt. Ich gebe ihm ein Goldstück mit dem Bildniß des Kaisers Franz – ein Überbleibsel aus meynen Tagen, als man noch mit Metall und nicht mit bloßem Papier oder Luft bezahlte. Er starrt die Münze an, dreht sie im Lichte und blickt mich an, als wäre ich geradewegs vom Himmel gefallen. Ich bin erfreut über sein verdutztes Gesicht. Für den Bogen, Junge! Kauf Dir Roßhaar, keine Seyde!

Er weiß ja nicht, daß dieses kleine Rund mehr Werth hat als seine Geige, mit der er sich versucht. 
L. v. Beethoven


Skizze zum „Steingang der Heiligen“ (Fragment):
c-Moll. 4/4 Tact.
Die Bässe trampeln unerbittlich – fff – wie die Schritte auf dem Pflaster.
Ein klagendes Motiv der Holzbläser (die Einsamkeit in der Menge).
Dann plötzlich: Das Glöcklein des Thodes (Triangel), sehr leise, aber durchdringend.
Ein jähes Verstummen aller Instrumente. Nur das ferne Rauschen des Wassers bleibt.

Der Tod und die Tauben
  • Die Karlsbrücke (Karlův most): Dieses massive Bauwerk aus Sandstein wurde bereits 1357 unter Kaiser Karl IV. begonnen und erst im 15. Jahrhundert vollendet. Mit einer Länge von 516 Metern und einer Breite von etwa 10 Metern war sie lange Zeit die einzige feste Verbindung über die Moldau. Sie ruht auf 16 Pfeilern und wird von drei mächtigen Türmen bewacht: dem Altstädter Brückenturm und den beiden Kleinseitner Brückentürmen.
  • Die Standbilder der Brücke: Die Galerie der dreißig Heiligenfiguren, die Beethoven so streng anstarren, entstand größtenteils im Barock zwischen 1683 und 1714. Besonders das Standbild des heiligen Johannes von Nepomuk (1683) mit seinem Sternenkranz ist ein zentraler Punkt, an dem die Menschen bis heute für Glück das Relief berühren.
  • Kaiser Franz II. und das Goldstück: Beethoven führt eine Münze aus seinem ersten Leben mit sich. Der Dukaten mit dem Bildnis von Franz II. (Regierungszeit 1792–1835) ist im Jahr 2026 ein seltener numismatischer Schatz. Die Geste verdeutlicht Beethovens Verhaftung in einer physischen Welt, in der Wert an das Gewicht von Edelmetall gebunden war.
  • Die Astronomische Uhr (Orloj): Seit 1410 zeigt die Uhr am Altstädter Rathaus nicht nur die Zeit, sondern auch die Stellung der Gestirne. Die Figur des Todes, ein Skelett, das die Glocke läutet und die Sanduhr wendet, ist eine ständige Mahnung an die Vergänglichkeit – ein Thema, das Beethoven zeitlebens zutiefst vertraut war.
(KI generiertes Bild: Beethoven am heiligen Nepomuck)