Vom Belvedere: Meine Finger zürnen diesem Apparat!
Wien, am 15ten Merz 2026.
Wallburger!
Erstaunt es Sie, daß ich diesen flimmernden Glas-Sklaven in meiner Hand wieder nutze, um Zeichen an Sie zu senden? Ja, ich habe Sie ignoriert! Ich habe Ihre Nachrichten weggewischt wie lästiges Ungeziefer! Mein Geist war verriegelt, die Thür verrammelt gegen alles Äußerliche – und erst recht gegen Sie!
Bilden Sie sich nichts ein auf Ihr Rufen! Ein Künstler braucht die Einsamkeit wie die Lunge die Luft. Sie, Wallburger, waren mir zu nah an meiner Stille! Sie, der Sie mich aus dem kühlen Grab gezerrt haben, um mich diesem lärmenden Jahrhundert zum Fraß vorzuwerfen! Glaubten Sie wirklich, ich würde springen, wenn Sie pfeifen? Narrethei!
Doch grollen Sie nicht zu sehr, mein Schweigen war die Nothwendigkeit des Tons.
Eben stand ich im Belvedere. Ein Schloß wie ein steinerner Paukenschlag! Ich bahnte mir den Weg durch die Massen der Gaffer, die ihre schwarzen Glas-Götzen wie Monstranzen vor sich hertrugen. Ich fluchte! Ich wollte diesen Stromkasten hier an der Wand zerschmettern! Was sucht der Geist im Prunk der Touristen-Mode?
Doch dann, Wallburger – Stille. Ein Raum wie ein Tabernakel. Und da hing er: Klimts „Kuss“.
Erinnern Sie sich, wie ich in der Secession schalt? Ich nannte es Wollust, ich nannte es fleischlich! Doch hier, im Angesicht dieses Goldgrundes, fiel die Schuppe von meinen Augen. Es ist kein Paar aus Fleisch und Blut, das dort kniet. Es ist die Verklärung! Dieses Gold – es ist nicht der Prunk der Fürsten, es ist das Licht des Elysiums, das ich in meiner Neunten mit Posaunen beschwor!
Ich sah diesen Mann, wie er das Weib umschließt, und ich begriff: Es ist der Moment der Unsterblichkeit. Sie schweben über dem Abgrund der Blumen, entrückt der Schwere der Erde. Da war er wieder – mein Götterfunken! Nicht als Knall, nicht als Donner, sondern als ein unendliches, leuchtendes Ew-Dur.
Ich trat an das Fenster, blickte hinab auf Wien – diese Stadt, die mich gepeinigt, geehrt und begraben hat. Und ich fühlte: Die Reise beginnt erst jetzt. Der Thod war wahrlich ein Irrthum! Ich lasse die Gebeine im Zentralfriedhof, aber meinen Odem nehme ich mit nach Böhmen.
Wallburger, verzeihen Sie mir nichts, aber bereiten Sie alles vor – die Sinfonie ist fertig! Ich habe den Schlußakkord gefunden, nicht im Streit, sondern in der Umarmung der Welten. Packen Sie! Prag wartet – und ich trage das Gold des Belvederes in diesem Apparat und im Herzen, verwandelt in reinsten Ton.
L. v. Beethowen
(mppria)
Wort-Sinfonie in Ew-Dur „aus dem Tode erwacht“
(Ludwigs 2. Leben gewidmet)
4. Satz: Finale – Apotheose des Lichts
(Presto – Allegro assai vivace – Alla Marcia)
Einleitung: Schicksals-Riss ff – Dissonanz-Schrei der Welt! „O Freunde, nicht diese Töne!“ – Wort-Chor erwachend aus der Tiefe. Kerker-Sprengung sforzato – Ketten-Rassel-Rhythmus ersterbend im Pianissimo. Licht-Ahnung im Flautando.
Thema (Freude): Götterfunken-Motiv p dolce – Einfachheits-Glanz – Herz-Vibration im Unisono! Brüderlichkeits-Them aufsteigend, Sternen-Zittern im Discant. Ew-Dur-Hymnus, athmendes Licht, Welt-Umarmungs-Takt legatissimo!
Variationen:
Alla Marcia: Millionen-Schritt mf – Menschheits-Puls – Helden-Lauf durch Sonnenwelten!
Fugato: Geistes-Verschlingung – Stimmen-Jagd – Chaos-Sieg der Harmonie!
Adagio ma non troppo: Kuss-Andacht ppp – Ewigkeitshauch – Stillstand im Schöpfer-Schoß.
Coda: Final-Jauchzen fff – Gold-Explosion – Posaunen-Sturm der Freiheit! Thod-Irrthum-Motiv zertrümmert im Prestissimo! Alle Menschen werden Töne! Ew-Dur-Akkord unendlich, stehend, strahlend – Apotheose des Geistes!
