Zwischen Wiener Blaulicht, Hamburger Wasser und australischer Sonne in Melbourne
Gestern hatte ich ein zweites, sehr anregendes Telefonat mit Andreas Boyde. Er lebt derzeit in Melbourne – weit entfernt und doch sofort nah in Denken und Temperament. Als Pianist, dessen Beethoven-Interpretationen international Beachtung finden, vereint er analytische Schärfe und leidenschaftliche Musikalität. Zugleich hat sich Boyde als Komponist längst eine eigene Stimme erschaffen, die das klassische Erbe nicht ablegt, sondern weiterführt – mit Klarsicht, Humor und dem Mut zum Unvorhersehbaren.
Unser Austausch drehte sich um Beethovens 5. Klavierkonzert – die „Kaiserliche“. Dieses Werk steht im Mittelpunkt einer Idee, die unsere fiktive Beethoven-Reise mit der realen Tour 2027 verknüpfen könnte. Andreas möchte dem Konzert eine neue, eigene Komposition gegenüberstellen – ein Werk, das noch im Entstehen begriffen ist und dessen Gestalt er, ganz klug, noch nicht preisgab. Dennoch leuchtete in unserem Gespräch eine künstlerische Verwandtschaft auf: Beethovens heroischer Ton, der Freiheitsruf seiner „Kaiserlichen“, scheint sich in Boydes Gedanken fortzusetzen – nicht als Nachklang, sondern als heutige Antwort auf das alte Pathos des Humanismus. So wurde aus einem Gespräch jene leise Gewissheit, dass hier etwas beginnen könnte, ein gemeinsamer Atem zwischen Zeiten und Stilen.
Wenig später vibrierte das Telefon – eine Nachricht von Schauspieler und bundesweit bekannten Rezitator Clemens von Ramin: eine Sprachnachricht, kaum zwei Minuten lang, und doch mit Wirkung. Er hatte die ersten Zeilen unserer Reiseerzählung eingesprochen, die Szene bei Johannes Frauenschuh im frostigen Wien des Januar 2026. Ich hörte die Stimme, und mit ihr wuchs das Bild: der Künstler im bläulichen Licht, die trostlose Leere des Bildschirms, Beethovens Geist, der in dieser Gegenwart auflebt. Clemens sprach, als sähe er die Szene vor sich – nicht interpretiert, eher erfühlt. Er will eine Probelesung machen, „für ein erstes Gefühl“, wie er schrieb. Vielleicht wird gerade dadurch die Sprache zu einem eigenen Resonanzraum – wie das Klavier im Konzertsaal.
Morgen breche ich nach Hamburg auf – gemeinsam mit Frau und Tochter: Studienort, WG-Besichtigung, kleine Stadtentdeckungen. Alles Zeichen eines neuen Anfangs – in ihrem Leben, vielleicht auch in unserem. Am Abend dann das Treffen mit Clemens in der Innenstadt, irgendwo zwischen den Lichtern der Speicherstadt und dem still vibrierenden Hafenwind. Wir werden die Linie unserer Erzählung fortspinnen, vielleicht auch ein paar Takte der Zukunft hören – wer weiß.
Ludwig van Beethoven scheint in diesen Tagen auf seltsame Weise gegenwärtig. Sein Geist zieht eine unsichtbare Spur durch unsere Zeiten in Worten, Klängen, Begegnungen. Und manchmal – wie gestern – flackert in all dem das Gefühl auf, dass sich Vergangenheit, Gegenwart und Möglichkeit für einen Augenblick berühren.