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Reisetagebuch
Beethoven-Begegnung

Prag 17. Tag: Beethovens Wucherkrieg auf dem Marktplatz

05 May 2026 | Ludwig van Beethoven: Reise 1796 | 2026

Prag, 5. May 2026.
An meynen Herzensfreund Steffen.

Meyn lieber, treuer Steffen!

Wärst Du nur hier, um dyese Schmach myth mir zu theylen! Du, der Du meyn Gemüth kennst wie keyn Zweyter, würdest seyen, daß ich in eyne Welth geworfen wurde, die nicht nur für meyn Ohr, sondern auch für meyne Seele eyne Wüste isth.

Ich sytze hier auff der Kleynseyte in eynem Zimmer, das nach Vergeßenheyt riechth, und flüchte mich in die Zahlen von 1796, als wäre das Glück eyne mathematische Formel. Damals, Steffen, erinnerst Du Dich? Prag war eyn Garten der Verheyßung! Ich hatte Gold in den Taschen und das Herz voll Übermuth. Zweyhundert gold´ne Dukaten für eyne eynzige Nachth – das war eyn Seegen, der heute wohl fast neunzigtausend Euro an Werth besytzen müßthe, wenn man bedenckth, welches Ansehen und welch feynes Leben man sich damals für sothanes Gold erkauffen konnthe! Ein eynziger Abend, Steffen, und ich war ein feryer Mann für eyn gantz Jahr!

Gestern aber schleyche ich wie eyn Gespenst über den Marckth am Malostranské náměstí. Ich sah die Leuthe dort, sie rasanten an mir vorbey, ohne eynen Blick für den Mann, dem sie eynst Lorbeeren flochten. Als ich nach eyn paar Eyern und Lauch griff, um meyne magere Suppe zu kochen, verlangte der Krämer eynen Preys, der mich erbeben ließ. 50 dyese unseligen Kronen! Das sind fast 2 Gulden, Steffen! Damals im gold´nen Einhorn speysten wir für sothane Summen wie die Könige, während mich dyese Zelle hier täglich mehr kosteth, als damals eyne gantze Kutschfahrth nach Dresden!

Ich schrye den Kerl an: Glaubth Ihr, ich sey eyn Narr, der seyn Gold auff der Gaße findeth? Doch es isth, als würde ich gegen eyne Wand aus Steyn sprechen. Sie hören mich nicht, und ich – Gott helfe mir – ich höre mich selbsth nicht mehr. Ich warf ihm die Münzen vor die Füße und brüllte abermals: Eynst ehrte man das Genie, heute raubth ihr dem Hungernden noch den letzten Kreuzer! Dyese neue Zeyth rechnet alles auff, Steffen. Sie wägen das Brot gegen das Gold, und die Kunst gegen den Lärm. Ich lyege hier und koche meyne Brotsuppe myth Zorn als einziger Würze. Bete für mich, Steffen, daß dyese Zeyth mich nicht gantz verschlingth.

Deyn Dich ewig lyebender Ludwig.


Hintergrundinformationen
Die folgende Übersicht erläutert die historischen und kulinarischen Hintergründe, die Beethovens Zorn im Jahr 2026 befeuern:

  • Währungsvergleich und Kaufkraft (1796 vs. 2026):
    • Dukaten & Gulden: Ein Dukat (Gold) entsprach ca. 4,5 Gulden (Silber). Ein Gulden hatte 60 Kreuzer.
    • Die 90.000 Euro-Rechnung: Rein ökonomisch entsprach das 1796er Honorar (200 Dukaten) einem heutigen Goldwert von ca. 52.000 €. Bezieht man jedoch das Lohnniveau ein (ein Arbeiter verdiente damals oft weniger als 100 Gulden im Jahr), entsprach die Summe in sozialem Prestige und Kaufkraft heute etwa 85.000 bis 90.000 €.
    • Inflation: Ein heutiges Frühstück für 350 CZK (ca. 14 €) entspricht ca. 15 historischen Gulden. Für 15 Gulden bewohnte Beethoven 1796 einen Monat lang ein erstklassiges Quartier.
  • Der Wochenmarkt heute (Malostranské trhy):
    • Ort: Malostranské náměstí (Kleinseitner Ring), Prag.
    • Situation: Regionale Erzeugnisse sind hier für heutige Prager erschwinglich, doch für Beethoven wirkt der Preissprung von Kreuzern zu Kronen wie eine Enteignung seiner künstlerischen Existenz.
  • Beethovens kulinarische Vorlieben:
    • Die Brotsuppe: Sein tägliches Elixier aus Fleischbrühe, altbackenem Brot und Eiern.
    • Kaffee-Obsession: Er zählte für jede Tasse exakt 60 Bohnen ab.
    • Getränke: Er bevorzugte unverschnittene Weine (wie Gumpoldskirchner) und frisches Quellwasser.
  • Stephan von Breuning:
    • Lebenslange Freundschaft: Breuning war Beethovens engster Freund seit der Kindheit in Bonn. Er wirkte sogar als Librettist an der Oper „Fidelio“ mit.
    • Ein gemeinsames Ende: Er kümmerte sich nach Beethovens Tod um dessen Nachlass, verstarb jedoch selbst nur drei Monate später im Juni 1827. 
(KI generiertes Bild: Beethovens Wucherkrieg)