Pah! Zuerst Heiligenstadt. Die alte Wunde muss geschaut werden
Wien, den 6. Febr. 1802, 2026 – oder welch seltsames, gantz irre Jahr ist dieses 2026? Gott hilf uns!
Von ungefähr, ganz ohne Absicht – ja, so war es! – führte mich der Weg vorüber an diesen Herren-Ausstatter . Die Thür, die Scheiben – alles glänzte so fremd, so neu, wie Lichter aus einem andren Stern. Was ist das? Soll ich eintreten? Soll ich, Ludwig, wagen? Lange stund ich da, unschlüssig, hin und her gehend, die Hände klingelten ich schnell – nein, nein, geh weiter! Oder doch hinein? Endlich trat ich ein.
Eine Stunde, nein, länger noch! Maßen sie mich mit kalten blitzenden Dingen – kein Band, kein Richtscheit, kein Mensch mehr! Hosen schnittig wie Säbelklingen, Hemden glatt wie Marmor ohne Staub – keine Falten unnütz, keine Zierde überflüssig! Reine Linien, wie in meinen besten Sätzen, wie die Fuge selbst! Während ich sie anprobier, spinns in meinem Kopf – die Gedanken! Diese Kleider – sie sind Rüstung! Schwarz, stark, neu. Mit ihnen kann ich hinab, hinab in mein dunkelstes Haus – Heiligenstadt! Ja, morgen oder Sonntag! Die Hölle von damals, die Schatten, die Taubheit, der Verzweiflung Schlund – ich fürcht sie nicht mehr! Diese Hülle macht mich gewappnet, unnahbar, stark gegen die Geister der schweren Zeit.
Die Dirne hinterm Tisch – freundlich, doch fremd – lächelt. Der Herr, der misst, nickt eifrig. Verstehn sie mich? Sehn sie den Mann, der die Welten erschafft? „Nun zahlt!“ ruft ähm.
„Ich bin Ludwig van Beethoven!“ – sag ichs, laut! Der Mann bricht in Lachen aus, die Dirne zuckt die Achseln, glotzt mich an wie einen Narren. Glaubst du mir nicht? Dieser Thoren, dieser Blindling! „Dann rufen wir die Polizei!“ – Es droht, das Gesicht rot. Polizei? Ha!
Was wissen die von der Kunst? „Ruft diesen Wallburger!“ schleuder ich ihm die Zahlen entgegen, die magischen Zeichen dieser Zeit. Er kennt mich, der treue Knecht, er weiß! Ein schrilles Piepsen – was für ein Teufelsgeräusch! – und es ist bezahlt!
Schwarz, schlank, modern steh ich da vor dem Spiegel, seh mich neu. Bald gen Prag? Pah! Zuerst Heiligenstadt. Die alte Wunde muss geschaut werden, die Geister müssen weichen. Gott im Himmel, gib mir Stärke für diese Gang! Die Welt hat sich verwandelt – doch ich bleibe Ludwig.
LvB
