LA MER im Ohr, Grenzen im Blick: Beethovens Sehnsucht und unser Privileg
10 June 2026 | Anne Barth (Berlin)
Wenn ich ans Meer denke, erklingt in meinem Kopf schon sehr lange die sehnsüchtige Melodie von Charles Trenet. Es ist ein unbeschwertes, fast schwebendes Gefühl. In den letzten Monaten jedoch hat sich dieser innere Soundtrack verändert. Durch meine intensive Beschäftigung mit Beethoven hat sich ein anderes, mächtigeres Werk dazugesellt: „Meeresstille und glückliche Fahrt“ (Opus 112). Diese Kontraste begleiten mich nun – auf der einen Seite das Chanson, auf der anderen Beethovens Vertonung von Goethes doppelbödigen Gedichten. Die bedrohliche, leblose Stille des spiegelglatten Wassers, gefolgt vom erlösenden Wind, der das Schiff endlich vorwärtsstreibt.
Am Wochenende blickte ich selbst auf das weite Meer. Irgendwo auf der Baltischen See, auf der Fährpassage zwischen Oslo und Kiel. Der Wind war spürbar, die Wellen gleichmäßig. Während mein Blick im Horizont versank, wurde mir die politische Dimension dieser Kulisse bewusst: Ich befinde mich hier auf einer unsichtbaren Grenze zwischen einem Nicht-EU-Land und einem EU-Land. Doch für mich existiert diese Grenze kaum. Ich kann sie unkompliziert, sicher und voller Privilegien überschreiten. Ein moderner Luxus, den wir viel zu selten hinterfragen.
Wie viel komplizierter und unberechenbarer muss es zu Beethovens Zeit gewesen sein, überhaupt eine Reise anzutreten? Damals bedeutete das Reisen nicht Entspannung, sondern ein echtes Wagnis voller bürokratischer Hürden, schlechter Wege und körperlicher Strapazen. Beethoven selbst reiste viel, doch das Meer hat er – der Komponist der großen maritimen Sehnsucht – in seinem Leben vermutlich nie mit eigenen Augen gesehen. Für die meisten Menschen seiner Epoche war es absolut unvorstellbar, die See so einfach, schnell und sicher zu überqueren, wie wir es heutzutage tun.
Heute trennen uns nur Stunden von fernen Ufern. Damals waren es Welten. Wenn ich jetzt auf das Wasser blicke, höre ich Beethovens Musik mit anderen Ohren: Sie ist nicht nur Kunst, sie ist auch der tiefe Wunsch nach Aufbruch, nach Freiheit und nach dem Überwinden von Grenzen, die damals noch unbezwingbar schienen.
